Vierte Architekturwoche A4 Schweinfurt

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Architektur in Schweinfurt
Olympia-Morata-Gymnasium
und Walther-Rathenau-Schulen

Adresse:
Ignaz-Schön-Straße 9
97421 Schweinfurt
Architekt:
Fred Angerer, Nikolaus Woita, München
Bauzeit:
1955 – 1957

 

Am Rande der westlichen Innenstadt Schweinfurts entstand in den Jahren 1955 bis 1957 eine großzügige Schulanlage, der Bau des Olympia-Morata-Gymnasiums (OMG) und der älteste Teil der heutigen Walther-Rathenau-Schulen (WRG).

Der Architekt Fred Angerer und sein damaliger Kollege Nikolaus Woita schufen wegweisende Schulbauten, da sie die Forderungen der neuzeitlichen Pädagogik nach geringer Geschosszahl, Übersichtlichkeit und leichter Orientierung sowie Einbindung der Natur in einer modernen, zeitlosen Architektur verwirklichten.

Der Grundriss besticht durch seine Klarheit. Das OMG besteht aus zwei Atriumbauten, einem quadratischen (Verwaltung, Fachräume) und einem doppelt so großen, rechteckigen Atrium (Klassenzimmer), beide mit einem verglasten Gang verbunden. Dabei ist der weitläufig angelegte Klassenzimmertrakt dezent aus der Achse des rechten Winkels gerückt – ein Stilmerkmal der 50er Jahre-Architektur, das in Schweinfurt zum Beispiel auch das Rathaus oder die Kirche St. Josef (Oberndorf) mit ihrem Glockenturm aufweisen.

Die Bauten der Rathenau-Schulen schließen sich östlich – entlang der Ignaz-Schön-Straße – in einer Art Pavillonsystem an. Ein Erschließungsgang verbindet die drei Pavillons, eine verglaste Brücke den letzten Pavillon mit dem Verwaltungsbau des OMG . Die für die 50er Jahre typischen Verbindungselemente – teils offen, teils transparent verglast – dienen als funktionale Wegführungen sowie als Spannungselemente in der Komposition verschiedener Baukörper. Die Binnenflächen zwischen den Bauten sind bewusst als begrünte Innen- bzw. Pausenhöfe geplant, so dass von außen abgeschottete, geschützte Gartenhöfe und Außenunterrichtsplätze entstehen.

Die Atrien sind reine Ziegelsteinbauten, die Pavillons haben dagegen einen vorgeblendeten Natursteinsockel. Die Verwendung von Ziegeln als Sichtmauerwerk ist zwar in Franken nicht für Wohnhäuser üblich, aber umso mehr für Industrie- und Großbauten. Schweinfurt kann auf eine bemerkenswerte Tradition bis in die 20er Jahre zurückblicken.

Die Außenansichten der Schulanlage wirken streng, sachlich, nüchtern. Der Verwaltungsbau hat die kompakte, geschlossene Form eines Kubus, dessen Strenge durch die rasterartig angeordneten Fenster noch betont wird. Plastisch hervortretende, dabei filigran gerahmte Atelierfenster (eines im Erdgeschoss der Südseite, eines im zweiten Stockwerk auf der Nordseite) unterbrechen charmant diese Ordnung.

Von außen eher abweisend und unspektakulär signalisieren die Gebäude im Innern mit großzügigen Verglasungen zu den Innenhöfen Offenheit und Transparenz. Hier offenbart sich der pädagogische Gedanke, der hinter der Architektur steht: Geschlossenheit als Schutz vor störenden Einflüssen und Öffnung im Innern zur freien Entfaltung der Schülerinnen in behüteten Räumen.

Eine großzügig gestaltete Festschrift (mit 99 Abb.) zum Gebäudejubiläum des OMG und WRG ist in den Sekretariaten der Schulen für 5 Euro erhältlich.

Irene Gräb

 

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