Architekturwoche München A4

Zeitmaschine Architektur

Vergangenheit als Zukunft:
Die Münchner Moderne im Zentrum der Architekturwoche A4

Die A4, die vierte Architekturwoche in Bayern, ist eine Zeitmaschine. Sie eröffnet Einblicke in die drei letzten Jahrzehnte der Nachkriegsmoderne. Katalysator dieses Erinnerungsprozesses ist die Architektur: Die vielfach missverstandenen, ungeliebten und abgerissenen Bauten der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre harren immer noch ihrer Wiederentdeckung. Dabei gerät außer acht, wie sehr die Bauwerke und Ensembles dieser Zeit unsere Lebenswirklichkeit beeinflusst und geprägt haben.

Die „alte Stadt“ ist als Leitbild der Denkmalpflege und Ziel des bürgerlichen Tourismus’ wohl bekannt. Seit der vorletzten Jahrhundertwende ist die Schönheit gewachsener Stadtbilder wie Heidelberg am Neckar, Rothenburg ob der Tauber oder Freiburg im Breisgau ein Leitmotiv architekturästhetischer Bewunderung. Die flächengreifenden Zerstörungen des zweiten Weltkriegs haben den Enthusiasmus für die alte Stadt zusätzlich mit dem Sentiment für das Verlorene ausgestattet: Allzu groß war die Verlusterfahrung der Übriggebliebenen, die neben dem eigenen Weltverständnis und den eigenen Familien auch jahrhundertealte „Bauwerte“ eingebüßt hatten.

Der Glaube an die Notwendigkeit einer neuen Welt, die sich entsprechend den Idealen der klassischen Vorgänger der zwanziger Jahre in einem neuen Gesellschaftsideal, ja in einem „neuen“ Menschen ausdrücken sollte, bestimmten viele Wiederaufbauphantasien. Nicht von ungefähr wurden hierzulande skandinavische, amerikanische und schweizerische Architekturkonzepte aufgenommen und weiterentwickelt, um den Anschluss an die Entwicklung des „demokratischen“ Westens zu schaffen – und um ein Gegenbild zum Nationalsozialismus und dessen bratensoßenschwerer Architektur zu entwerfen.

Unter den neuen Vorgaben war oft kein Platz mehr für die „alte Stadt“. Sie wurde vielmehr als Synonym überkommener gesellschaftlicher Systeme empfunden, deren Elemente – vom Stadtgrundriss bis zum Fachwerkhaus – der neuen Zeit nicht mehr entsprachen. Die Charta von Athen mit ihren Festschreibungen einer strikten Trennung von Verkehr, Arbeiten und Wohnen arbeitete dabei in eigenartiger Weise den Erfahrungen zu, die man aus dem Bombenkrieg gesammelt hatte: Eine Dezentralisierung der verschiedenen urbanen Funktionen versprach nicht nur eine höhere Wohnqualität, ein besseres Funktionieren des vor allem vom Verkehr dominierten Stadtorganismus’, sondern auch größere Sicherheit der Wohnbereiche und damit des „Humankapitals“ einer Stadt.

An die Architektur stellten sich ebenfalls andere Forderungen. Der Frage der Transparenz als „demokratischem“ Thema entsprachen die grandiosen konstruktiven und gestalterischen Möglichkeiten, die Stahl und Glas inzwischen bereithielten. Die Moralität des „sauberen“ und „ehrlichen“ Bauens resultierte aus dieser Reduktion des baulichen Ausdrucks auf das „konstruktiv Notwendige“, das in der verkürzten Übertragung des Bonmots des Ludwig Mies van der Rohe vom „Weniger“, das „mehr“ sei, von einem der aus Deutschland ausgewanderten „Meister“ seine architekturethische Rechtfertigung zu finden schien.

Der technisch stimulierte Fortschrittsglaube wurde bald unterminiert. Kritische Geister wie Alexander Mitscherlich („Die Unwirtlichkeit unserer Städte“) und Wolf Jobst Siedler („Die gemordete Stadt“) stellten die Entwicklung der Architektur und Stadtplanung grundsätzlich in Frage. Die kritischen Tendenzen trafen bald auf den Rebellengeist der 68er, der den massenoptimierten Stadtvorstellungen der Väter eine individualistische Weltsicht entgegenstellte. Hier liegen die Wurzeln der Umschwünge der siebziger Jahre: Die so genannte Bürgerbeteiligung, das einflussreiche Europäische Denkmalschutzjahr 1975 und die bis zur Hausbesetzerszene reichenden Bemühungen um den Erhalt historistischer Wohnstrukturen resultieren aus der Kritik am allzu kapitalistisch orientierten „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ der sechziger Jahre. Und in dieser Zeit entwickelten sich die Grundzüge dessen, was später als Postmoderne zu einem neuen Zeitlabel geworden ist.

Die Architektur der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre hat sich zwischen diesen Polen entwickelt: Zwischen der Suche nach neuen, der Massengesellschaft entsprechenden Serientypen über das Ausreizen der bis ins kleinste Detail planbaren konstruktiven Möglichkeiten der „neuen“, industriegemäßen Materialien bis zu den frühen Versuchen eines kreativen Umgangs mit vorhandener Bausubstanz. Von der megalomanen Großsiedlung bis zum experimentellen Einfamilienhaus mit flexiblem Grundriss haben diese Jahrzehnte eine im Rückblick aufregende architektonische Entwicklung erlebt. Die baulichen Situationen dieser Zeit haben viele der heute lebenden Menschen geprägt: Die Älteren haben die Jahrzehnte als optimistische Lebensphase erlebt, in denen erstmals die Armut der Nachkriegsjahre überwunden war. Jüngeren sind die architektonischen und urbanen Umgebungen dieser Zeit schlichtweg Szenen ihrer Kindheit und Jugend.

Für vieles, was diese Architektur und diese urbane Umwelt ausmacht, ist heute jede Sensibilität abhanden gekommen. Die architektonische Reduzierung auf wenige Materialien, auf knappe Gliederungselemente, auf die Wirkung von Blöcken oder Baumassenkompositionen, auf technoides Aussehen, die Konzentration auf abstrakt ablesbare Fassadenproportionen und funktionale, verallgemeinerbare Grundrisse macht es heutigen Rezipienten nicht leicht: Das im besten Sinne monotone Aussehen der Produkte jener Zeit erscheint Zeitgenossen, die von der Rekonstruktion ganzer Schlösser träumen und sich mit wachsender Begeisterung hinter „historischen“ Fassaden dem dort herrschenden Konsumdruck aussetzen, nur noch hässlich. Die Bereitschaft zu einem Erhalt der Bauten dieser Epoche ist in weiten Kreisen äußerst gering – zumal insbesondere die energetische Sanierung, die viele dieser Bauten benötigen, technisch schwierig und teuer ist. Selbst der Denkmalpflege fehlen bis jetzt Kriterien zur Beurteilung der sechziger und siebziger Jahre. Das Werk mancher Architekten gilt inzwischen als „gesetzt“, andere fallen einfach deshalb durch’s Raster, weil ihre Bauten bisher unzureichend oder gar nicht erschlossen sind.

Doch inzwischen zeichnet sich ein Umschwung ab: Insbesondere bei der jüngeren Generation macht sich ein intuitives Verstehen jener Architektur bemerkbar. In zunächst unreflektierter Form haben die Relikte dieser Zeit einen gewissen Kultstatus bekommen. Man schätzt die harte industrielle Ästhetik, die Präzision von Konstruktion und Materialeinsatz, die Monotonie und Flexibilität von Grundrissen. Und viele begreifen inzwischen die städtischen Momente, die mit dieser Architektur einhergehen, als Ausdruck ihrer Herkunft und ihrer Heimat.

Die A4 im Jahre 2008 steht vor einer spannenden Aufgabe: Die baulichen Erzeugnisse der Spätmoderne sind oft ein Scheidepunkt des ästhetischen Verständnisses von Architektur. Die fünf Schauplätze der Architekturwoche stammen aus verschiedenen Perioden der Nachkriegszeit und sind deshalb so unterschiedlich wie die Stadtstrukturen, die sie mitbestimmen. Fünf Orte, die wir in ihrer Selbstverständlichkeit kaum mehr wahrnehmen und hinterfragen, sollen untersucht werden: Sie zeigen, welche „Jahresringe“ sich München sei dem Ende des zweiten Weltkriegs zugelegt hat – sie zeigen die Stadt als Schichtung von Bauhorizonten, die sich nach dem Krieg den Schichten und Schalen der Stadt ein- und angelagert haben.

Der Wiederaufbau der Residenz (1945-1960) steht für eine restauratorische, aber dennoch schöpferische Tendenz der fünfziger Jahre. Die Rekonstruktion der Weltkriegs-Reste des tradierten Gebäudes geschah hier nach dem Prinzip der „historischen Insel“, die im Zuge des Wiederaufbaus erhaltenswert erschien, aber dennoch mitunter eine freie Nachschöpfung und Interpretation des Zerstörten erlaubte. Inzwischen sind solche Zeugnisse der mentalen Bewusstwerdung des Verlusts von erinnerter Vergangenheit und der Hoffnung auf eine in der Tradition liegende Zukunft immer häufiger vom Abriss oder von einer nachträglichen „historischen“ Rekonstruktion bedroht. Beispiele wie die Schatzkammer, die Akademie der Wissenschaft oder der Herkulessaal stellen aber gerade in ihrer freien Verbindung zeitgenössischen und rekonstruktiven Denkens ganz eigene und interessante Lösungen und Raumschöpfungen dar.

Beim Ausbau der Sonnenstraße (1950-1970) hat man versucht, das Stadtbild Münchens in eine Figur der späten Internationalen Moderne zu verwandeln. Die großzügige Planung wurde nicht an allen Stellen umgesetzt. Dennoch erscheint, unter metropolitanen Gesichtspunkten, die Anlage der boulevardähnlichen Straße mit ihren Gebäuden als eine der urbansten, wenngleich pragmatischsten Situationen im Kern Münchens.

Das Olympiazentrum (1969-1972) hingegen ist – genau so wie der Olympiapark - das Abbild einer Utopie. Wohnhügel und Hofhäuser, Studentendorf, Ladenpassage, Grünanlagen und Infrastruktur sind Zeugen der baulichen Verwirklichung einer visionären Vorstellung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens in einer „neuen“ Zeit. Die prägnante Sichtbeton-Ästhetik dieser Bauten ist genauso sensibel für strukturelle und gestalterische Veränderungen wie die sorgfältige Landschaftsgestaltung des Olympiaparks.

Die Münchner Freiheit (1970 – heute) ist ein Ort ständigen Wandels von Aufbau und Rekonstruktion und eher ein „Nichtort“ im Kraftfeld Schwabings. Charakteristisch ist unter anderem der Rückbau eines Hochhauses, das zunächst als Zeichen der Moderne, später von vielen als Schandfleck empfunden wurde. Dabei hat die öffentliche Meinung mehrfach gestaltungsverhindernde Kraft bekommen: Bis heute ist die Art und Weise, wie der Platz gestaltet werden kann, ein öffentlicher Zankapfel. Es stellt sich die Frage, ob vielleicht die gegenwärtige Situation eines ästhetisch belanglosen, aber als polykulturelle Begegnungszentrums funktionierenden Platzes besser ist als weiterreichende Planungen.

Die Theresienwiese (morgen?) steht nicht aufgrund ihrer Bebauung, sondern gerade aufgrund ihrer Leere, ihrer Offenheit am Ende der Architekturwoche. Sie ist lediglich als Austragungsort des Oktoberfestes im öffentlichen Bewusstsein präsent. Bebauungspläne des Späthistorismus kämpften um den Erhalt der Theresienwiese als Zentrum einer villenähnlichen Bebauung. Heute erscheint das Areal trotz seiner Lage mitten in der Stadt als unwirtlicher Ort, der nur einmal im Jahr eine Aktualisierung durch einen „event“ erfährt. Mehr als historische Fingerzeige scheint hier die Offenheit der Situation die Potentiale der Zukunft bestimmen zu können.

Auch wenn uns die Kriterien der Architekten und Stadtplaner der Nachkriegsmoderne nicht mehr zugänglich sind, können wir sie neu erschließen und so die Werte des damaligen Bauschaffens als historische Leistung neu schätzen lernen. Vielleicht gelingt das jedoch nicht immer in überzeugender Weise, weil die ästhetischen und funktionalen Kategorien damaligen Denkens überholt sind. Dann müssen wir einen neuen Zugang zu den Hinterlassenschaften dieser Jahrzehnte entwickeln: Wenn die menschliche Persönlichkeit nichts anderes ist als das, was sich im Gedächtnis festhalten lässt, wie der Philosoph Charles Pierce in seinem ersten Kategorem behauptet, müssen wir die Konstituenten dieser Erinnerung als das begreifen, was uns ausmacht. Das gilt dann auch und insbesondere für die Architektur und die Stadt der Nachkriegsjahrzehnte, die wir als das sehen und verstehen lernen müssen, was sie sind: Prägende Schauplätze unseres Lebens, Teile der Schichtung der Stadt, Herkunft oder Heimat. Nur wenn wir die Umgebung, in der wir leben, als das uns Eigene begreifen, kann unser Bewusstsein die Potentiale dieses Bestandes mit Werten und mit Entwicklungsmöglichkeiten anreichern. Die diesjährige A4 schlägt diesen Weg ein.

Andreas Denk